Um auf diese eine Tasse Kaffee in der Nacht zurück zu kommen.
Mein Gegenüber in besagter Nacht war das, was man gut für die Stütze einer Gemeinde halten kann.
Im Gegensatz zur mir macht sie jeden Dienst, den man ihr anträgt. Und ihr wird auch so gut wie alles angetragen. Von der Vorbereitung des Pfarrfests über die Vorbereitung der Erstkommunionskinder bis zur Kommunionsausteilerin (Bitte gebt diesem Dienst schnell einen anderen Namen) überall feste dabei.
Wenn ich so jemanden vor mir sitzen habe, gehe ich immer davon aus, dass neben den Basics auch die eigenen Glaubensfragen irgendwie bearbeitet werden, gerade wenn es sich um Leute handelt für die das Internet ein Raum ist in dem sie sich sicher bewegen. Ich gehe einfach davon aus, dass jemand der mich auf Facebook befriendet, mir von seinen Schnäppchen auf Ebay erzählt und auch die Schuhe da kauft, wo sie zum Schreien sind, unfallfrei in der Allwissenden Datenmüllhalde nach Informationen suchen kann.
Ja, man darf ihr nicht wirklich trauen, aber sie liefert Hinweise, Einsichten und Daten. Die Prüfung mag dann oft auf etwas mühsamer sein, aber erste Infos liefert sie schnell. Man braucht Dokumente und (Fach-)Bücher nicht mehr mühsam in Büchereien anfordern und lesen, vieles steht im Netz einfach so rum und wartet darauf mit Strg F durchsucht zu werden oder man lässt sie sich über die Sprachausgabe vorlesen. Ich räume gerne ein, dass ich hier einen Vorteil gegenüber Lieschen Müller habe, weil viele fremdsprachige und gerade englische Seiten einfach kein Hindernis sind und es gerade auf google-books und Co. sehr viel mehr englische Titel gibt als deutsche. Aber wenn mir jemand mit Abi und abgeschlossenem Studium erzählen will, er oder sie könne sein/ihr Schulenglisch nicht anwenden, halte ich das für eine lahme Ausrede.
So, da saßen wir also. Und das Dauerbrenner-Thema Zölibat wurde von ihr auf den Tisch gebracht und sie argumentierte, dass es ja allgemein bekannt sei, dass Jesus auch verheiratet war, und dass die böse Kirche sich da einfach gegen wissenschaftliche Erkenntnisse sperrt.
"Woher hast Du denn den Scheiß?", hörte ich mich sagen.
Na, woher hatte sie ihn wohl? Genau Danny Boy! Der DaVinci Code wäre ein Augenöffner für sie gewesen.
Für zwei Millisekunden dachte ich sie macht einen Scherz. Aber nein, sie hob an den Autor und seine total wissenschaftliche Recherche und die unschlagbare Überzeugungskraft seiner Argumente zu loben.
Das war etwas zu viel für mich und meine Rückfragen knatterten aus mir heraus wie aus einem Maschinengewehr. Schon mal das beknackte Bild angeguckt? Schon aufgefallen, dass das es in dem Bild eben nicht um die Einsetzung der Eucharistie geht, sondern um die Frage wer der Verräter ist? Also noch zwölf Jünger, ja? Wenn John eigentlich Maria Magdalena ist, wer von den zwölf Dusseln hat dann das Date verpennt? Das Teil ist riesig und eine Auftragsarbeit für den Speisesaal von Dominikanern, die wollten genau diese Szene haben, Meinste nicht, denen wäre aufgefallen, wenn da et Magda rumhockt und einer von den Typen fehlt? Die hätten sich das doch ein mittagessen-lang angeguckt und dann hätten danach das Teil übermalen lassen, oder? Und Ehelosigkeit, in den letzten Jahren mal in die Bibel geguckt? Also mir fallen da spontan noch zwei Herrschaften ein, die sich erfolgreich dem angeblichen Heiratszwang ihrer jüdischen Umgebung widersetzt haben, rate wer? Oh, und die Prieuré de Sion, Liebelein, die wurde irgendwann in den 50igern von mem Typen gegründet, der sich zum König von Frankreich ausrufen lassen wollte, wusstest Du das? Der war Ultranationalist und meinte Nostradamus hätte so richtig den Durchblick gehabt. Großes Kino, oder? Das Buch wird unter Fiction gelistet, was meinst Du warum? Wenne dem Brown den Code abkaufst, warum glaubst Du dann das die Welt eine Kugel ist, wo Terry Pratchett doch gute Argumente für die Scheibenwelt hat?
Oh....das war nicht nett von mir und mein Gegenüber leicht schnappte ein und giftete zurück, dass wenn jemand von Kritikern und Lesern so bejubelt wird, er doch irgendwas richtig gemacht haben muss.... Ich verkniff mir die Sache mit dem Rudel Fliegen... Ihr wisst schon...und schaltete drei Gänge runter. Er hat ja auch was richtig gemacht. Er hat einen richtig spannenden Roman geschrieben. Glücklicherweise stellte sich raus, dass sie Mr. Pratchetts Bücher nicht kannte. Schwein gehalbt.
Aber als wir uns wieder etwas beruhigt hatten, trat etwas für mich sehr viel erschreckenderes zu Tage. Nein, die Evangelien waren von ihr noch nie im Ganz gelesen worden. Ja klar, war sie bei fast jeder Bibelarbeit dabei gewesen. Und nein, dass Jesus von sich als Bräutigam immer wieder als Bräutigam spricht, das ist nie aufgefallen und besprochen worden... Auf meine gefühlten 100 Fragen: Hast Du das mal gelesen oder weiß, du hier ....und dort ...und Kirchenväter und .... es kam von ihr immer nur : nein, nie, woher auch? ...und dann erzählte sie von ihrer Frustration mit so vielen Fragen so alleine zu sein und am Ende kam brauchten wir Kleenex.
Abgesehen, dass ich eh schnell auf der Palme bin, mich macht sowas echt sauer. Nicht auf mein Gegenüber, auch wenn ich es für weniger clever halte, wenn jemand einfach die Standard-Kritik nachplappert und dabei noch einen auf total selbstsicher macht, wenn in Wirklichkeit zu viel nicht verstanden wurde. Mich macht das sauer auf die Leute, deren Job es eigentlich wäre diese Ehrenamtliche fit zu machen. Ich kann verstehen, wenn ein Teenager nicht viel aus dem Reliunterricht mitnimmt und daher Ostern und Pfingsten verwechselt, aber jemand der über Jahrzehnte aktiv in der Kirche mitarbeitet, der sollte mehr mit auf seinen Weg bekommen als Kaffee und Kekse und Gute-Nacht-Geschichten. Das Ziel sollte doch ein erwachsener Glaube sein, oder? Man muss Leute nicht jahrelang mit solchen ganz normalen Wachstumsschmerzen, die es im Glauben eben gibt, alleine lassen. Ich hab nicht viel Ahnung von den was in dieser ganz normalen deutschen Gemeinden abgeht. Mein Umfeld ist einfach nicht normal. Und ich bin vllt. auch nicht ganz normal. Jedenfalls sagt man mir das immer und schiebt mich schön auf die Rechts-Außen-Position. Aber wenn das wirklich normal ist, dann gehört das ganz schnell geändert, wenn man mich fragt.
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4 Kommentare:
Deine Erfahrung mit dem aktiven Gemeindemitglied halte ich für genau den Grund warum viele Gemeindemitglieder Ihre Gemeinde/Kirche als eine Art Kleingartenverein oder Kaffeekränzchenclub behandeln, in dem sie sich eben engagieren weil sie es schon immer taten und so etwas eben gerne machen. Die, die nicht auf Kleingarten und Kaffekränzchen stehen sind schon lange gegangen und lassen sich von etwas so Inhaltslosem auch nicht wieder zurückholen - wozu auch?
Nichts gegen Kaffeekränzchen, aber es ist eine Frage der Prioritäten: Wenns eine Katechese gibt, die diesen Namen verdient und der Glaube in seiner Fülle gelebt und verbreitet wird, kanns auch Kaffeekränzchen geben, und nicht umgekehrt oder nur noch Kaffeekränzchen, die dann nicht einmal offen für Neue sind sondern sich auch noch abschotten.
Aber, wenn man doch Zweifel hat, warum hockt man dann im Kaffeekränzchen und schmeißt nicht mal google an oder schlappt in eine Bücherei? Warum schimpft man dann in trauter Runde über die bösen Tradis und hört sich nicht ein Argument an? Ich rall es nicht, Doro. Echt nicht.
Na ja, ich raffs auch nicht wirklich, aber ich habe halt auch mit 19 angefangen meine familiären und freundschaftlichen Bindungen aufs Spiel zu setzen weil ich anderer Ansicht war. Das hat mich einiges gekostet, besonders weil ich immer wieder weiter gedacht und geschaut habe. Im Grunde haben sich die Linken nämlich genauso eingerichtet wie die, die schon immer Katholiken waren und einfach nicht drüber nachgedacht haben. Ich kenne jede Menge Linke und Grüne, die seit 30 Jahren nichts Neues mehr gedacht haben und sich immer noch für die revolutionären Vordenker halten. Das ist nicht so viel anders. Man richtet sich in bestimmten Milieus ein und da bleibt man dann. Und sobald das zum Milieu wird riskiert man auch rauszufliegen wenn man was in Frage stellt, man kann dabei eine Menge Freunde verlieren und das kann schon hart sein. Ich glaube die Leute wissen das und wollen es lieber nicht ausprobieren. Wir sind halt soziale Wesen und leiden unter Ausgrenzung und Einsamkeit.
Naja, ich komm ja auch nicht gerade aus einem Bildungmilieu... also mehr so das, was man so Sozialerbrennpunkt nennt. Aber vielleicht ist es genau das.
Wenn man keinen guten Ruf hat, den man sich ruinieren kann, kann man leichter unbequeme Fragen stellen.
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